Andacht für Ostern
Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!
Liebe Leserinnen und Leser, liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
Mit diesem Ostergruß grüße ich Sie und euch ganz herzlich und wünsche trotz dieser besonderen Zeit ein frohes Osterfest!
Der Stein am Grab ist weggerollt. Das Grab ist leer. Die Frauen, die vor dem leeren Grab stehen wissen mit ihren Gefühlen kaum umzugehen. Man kann es ihnen nachsehen, finde ich. Kamen sie doch um in aller Ruhe um ihren Lehrer, ihren Prediger, ihren Freund zu trauern. Die Botschaft, die ihnen in dieser Trauer durch einen Engel entgegengeworfen wird, ist fast unglaublich. So bezeugt es Markus in seinem Evangelium: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ (Lk 24,5-6)
Klare Worte, kurze Sätze. Gut zusammengefasst. Das wird sich bei den Frauen eingeprägt haben. Er ist auferstanden, darum ist er nicht in seinem Grab. Und doch, die Frauen sind entsetzt. Welche Gefühle da wohl auf einmal bei ihnen aufkamen. Sollten sie sich freuen? Sollten sie ehrfürchtig sein? Sollten sie staunen? Vielleicht eine Mischung aus all diesen Gefühlen.
Da durchbricht Gott den Plan der Frauen, der es ja nun einmal war, den Leichnam ihres Freundes zu salben. Ihm ein letztes mal etwas Gutes zu tun, ein letztes mal Abschied zu nehmen. Gott durchkreuzt den Plan, so wie die Menschen Jesu Leben im wahrsten Sinne durchkreuzt haben. Aber Gott tut dies eben nicht zum Elend und zum Schmerzen aller, rächt sich nicht an denen, die laut gerufen haben: „Kreuzigt ihn!“ Ist nicht zornig über die, die sich seine Freunde nannten und Jesus dann doch am Ende nicht beistanden. Gott durchbricht die Spirale des Leides genau an dem Punkt, als alles verloren scheint.
Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!
Das ist die Botschaft, die auch an diesem Osterfest gilt und hoffentlich so oft auch heute mit voller Inbrunst einander zu gesprochen wird. Wenngleich in diesem Jahr nicht in den Kirchen, dann doch aber in der Familie zuhause, am Telefon zu den Freunden und über den Gartenzaun zum Nachbarn.
Ja, Christus ist auferstanden, weil Gott das Leben will! Nicht nur für seinen Sohn, sondern für uns alle. Denn in seinem Sohn hat er gespürt, wie es wirklich ist, ein Mensch zu sein: Wie es sich anfühlt, auf dieser so oft viel zu harten Welt zu leben. Wie es ist, aus vollem Herzen zu lieben und zu leiden. Wie es ist, Schmerzen aushalten zu müssen und Kämpfe zu verlieren. Gott selbst hat das in seinem Sohn erlebt und durchlebt.
In diesem Jahr ist das Osterfest überschattet von einem Virus, dass auf unserer Erde und in unserem Land wütet. Ein Virus, das viele Menschen zutiefst ängstigt. Das viele Menschen trauern lässt, auch um Familienmitglieder.
Ähnlich wie die Frauen auf dem Weg zum Grab, kennen die meisten fast nur dieses eine Thema, das uns ohnmächtig macht, das uns ängstigt, das uns trauern lässt. Auch mir geht das so.
Und doch ist da am Ende dieses Weges der Blick auf einen Stein, der eben nicht alles besiegelt! Das galt damals für die Frauen und – ich bin mir sicher – das gilt auch noch für uns in dieser Zeit.
Der Stein, der all unsere Hoffnung begräbt, ist beiseite gerollt. Ein für alle Mal! Da ist Hoffnung. Hoffnung für uns alle, weil einer allein, weil Gott selbst, den Stein zur Seite gerollt hat. Für Jesus und für dich und für mich.
Gerade in Zeiten, in denen mich Unsicherheit zu übermannen versucht, versuche ich mich daran zu erinnern, wann ich eine solche Situation schon einmal erlebt habe. Eine Zeit, in der es das schon einmal gab, dass ich Angst hatte, getrauert habe, in Sorge war. Und ich versetze mich in das damalige Gefühl hinein. Das ist manchmal ganz schön schwer, denn die Erinnerungen schmerzen manchmal noch sehr. Doch ich bleibe nicht bei diesen Erinnerungen. Gerade dann, wenn ich wieder die Schwere meines Herzens von damals spüre, dann überlege ich: Wann war der Moment, an dem ich gespürt habe, dass das Herz leichter wurde? Wie fühlte es sich an, nach einer solchen Situation wieder lachen zu können? Wie war es, als ich endlich wieder aufatmen konnte?
Wohl jeder von Ihnen und euch hat so eine schwere Zeit in den verschiedensten Lebensabschnitten schon einmal erlebt. Wissen Sie noch, weißt du noch, wie es Ihnen und dir da erging, als das Herz endlich leichter wurde? Wie es war, als da nach einer dunklen Zeit endlich wieder ein Licht war?
Mir helfen diese Gefühlserinnerungen zur Zeit sehr. Denn in schweren Zeiten den Blick für das, was an Gutem kommen mag, zu öffnen und zu weiten, kann helfen zu-versichtlich zu bleiben. Diese Erinnerungen machen mir schon jetzt das Herz leichter, selbst dann, wenn es momentan noch nicht so weit ist.
Genau so, also mit dem „Noch-Nicht“ und dem „Schon-Jetzt“ ist es übrigens auch mit dem Reich Gottes. Wir wissen, wir leben in einer Welt, in der noch lange nicht alles gut ist. In der viel zu viele Menschen großes Leid ertragen müssen. Aber durch Ostern ist das Reich Gottes schon jetzt längst unter uns.
Immer dann, wenn wir uns an Gott wenden – im Gebet, mit einem Lied oder im Schweigen -, dann scheint da schon das Licht des Reiches Gottes in unser Leben hinein. Immer dann, wenn wir ein warmes Wort füreinander haben, uns einander trösten in schweren Zeiten, einander helfen, dann ist das Reich Gottes schon jetzt angebrochen. Denn da ist Gottes Geist in uns am Werk. Da ist das, was Jesus uns zu seinen Lebzeiten an Herz legen wollte, in unserem Herzen angekommen. Dann ist da der Funke Gottes in uns und wir schon längst in Gottes sicherer Hand für all das, was kommen mag.
Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!
Ein Ostergruß, der viel mehr ist als das! Es ist ein Bekenntnis und zugleich ein Trost-wort! Mögen wir an diesem besonderen Ostern getröstet sein, auch darüber, dass wir es anders feiern müssen, als wir es sonst gern tun. Mögen wir mit Hoffnung und Zu-versicht auch in die kommende nachösterliche Zeit gehen. Und mögen wir umso lauter an diesem Ostertag einander sagen:
Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auch für mich auferstanden!
Bleiben Sie und bleibt ihr behütet!
Ihre und eure Pastorin Sina Schumacher